„Ein Meister aus Deutschland“

Die von emerge bewusstseinskultur, e.V., der anthroposophischen Zeitschrift Info3 und dem Integralen Forum gemeinsam veranstaltete Herbstakademie Frankfurt befasste sich im vergangenen Jahr mit dem Beitrag der deutschen Kultur für eine globale Spiritualität („Karma und Kreativität“). Besondere Aufmerksamkeit erregte dabei auch der Beitrag über Martin Heidegger. Die Größe ebenso wie die Schattenseite dieses Denkers stehen exemplarisch für die tragische deutsche Geschichte.

von Tom Steininger

 

Ein Meister aus Deutschland, so lautet der Titel eines hervorragenden Buches über Martin Heidegger von Rüdiger Safranski. Es hat zwei Dimensionen, die exakt mit dem Thema unserer Tagung „Karma und Kreativität“ zu tun haben: Die erste erschließt sich aus dem direkten Verständnis der Formulierung „Ein Meister aus Deutschland“. Heidegger als einen Meister zu bezeichnen, ist eine gewagte Behauptung, und ich glaube sie ist berechtigt. Die zweite hat damit zu tun, dass bei diesem Titel ein bedeutendes deutsches Gedicht von Paul Celan mitklingt: die „Todesfuge“. In diesem Gedicht kommt eine Zeile mehrmals vor, die lautet: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.“ Paul Celan war jüdischer Herkunft, stammte aus Rumänien und hat dieses Gedicht 1944 geschrieben. Es handelt von der Situation 1944, der Massenvernichtung des europäischen Judentums durch deutsche Nationalsozialisten.

Martin Heidegger ist, so möchte ich behaupten, einer der tiefsten Denker nicht nur des 20. Jahrhunderts, sondern der menschlichen Bewusstseinsgeschichte überhaupt. Man kann ihn ohne Zögern mit Namen wie Plato, Aristoteles, Thomas von Aquin, Kant, Hegel in einem Atemzug nennen. Er ist der meist zitierte Philosoph des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig war er, wenn auch nur kurze Zeit, ein aktiver Unterstützer der Nazis. Wie geht das zusammen?

Ich habe in meinem Leben viel über Heidegger nachgedacht. Vor mittlerweile 20 Jahren stieß ich in Wien auf ein kleines Buch des Berliner Philosophen Hans-Peter Hempel mit dem Titel Heidegger und Zen.

Bei der Lektüre dieses Buches wurde mir damals deutlich, dass das, was Heidegger zu denken versucht, auf eine moderne Spiritualität hinausläuft. Gleichzeitig war es für mich als politisch denkender, wacher Zeitgenosse einfach unerträglich zu sehen, wie Heidegger sich in das NS-System verwickelt hat. Ich bin mehr und mehr zu dem Schluss gekommen, dass die Biografie dieses Mannes in einer gewissen Weise auch die Zuspitzung der karmischen Situation der deutschen Geistesgeschichte in einer Biografie ist.

 

Der Philosoph des Seins

Bitcore Method

Heideggers Denken umfasst sehr, sehr viel. Man könnte Jahre damit verbringen, ihn überhaupt verstehen zu wollen. Aber es gibt auch einen anderen Zugang zu ihm, der auch richtig ist: Man kann nämlich behaupten, dass Heidegger sein ganzes Leben lang eigentlich nur einer einzigen Frage nachgegangen ist, in einer Konsequenz, wie vielleicht kaum ein anderer Denker. Sie lautet: „Was ist der Unterschied zwischen dem Sein und dem Seienden?“ Eine zunächst ziemlich unverständliche Frage.

Auf der Suche nach der Unterscheidung zwischen dem Sein und dem Seienden hat sich Heidegger intensiv mit der Geschichte des menschlichen Denkens auseinandergesetzt, insbesondere mit dem Weg, den sie seit der griechischen Philosophie genommen hat.

Man kann Martin Heidegger nicht verstehen, wenn man nicht sieht, das dieser Mann – und das hat auch mit seinen politischen Irrungen zu tun – einen Gutteil seines Lebens in seiner Hütte in Todtmoos im Schwarzwald verbracht hat. Dort hat er seine wichtigsten Werke geschrieben.

Immer, wenn er nicht beruflich gezwungen war, in den „Großstädten“ Freiburg oder Marburg zu leben, hat er es vorgezogen, im Schwarzwald mit Menschen wie Plato und Aristoteles in den Dialog zu gehen. Im Studium der ersten Philosophen ist er darauf gekommen, dass die Geburt der Philosophie eine Geburt aus dem Staunen war. Das Staunen darüber, dass Etwas ist und nicht Nichts. Das bewusste Nachdenken darüber war der Anfang der griechischen Philosophie. Dieses Staunen hat mit einer Offenheit der Erkenntnis des bewusst werdenden Menschen zu tun, dass Etwas ist. Alle Philosophen, angefangen mit Sokrates, Plato und Aristoteles sind immer intensiver in die Entdeckung dieses Etwas, das ist, gegangen.

Heidegger geht der ganzen Geistesgeschichte nach, als der Entfaltung dieses Denkens über dieses Etwas, das ist. Er sagt, unsere ganze Metaphysik ist eigentlich eine Entfaltungsgeschichte dieses Denkens und kommt zum Schluss, dass wir in diesem ganzen Prozess etwas übersehen haben. Etwas wurde in diesem Nachdenken vergessen: das „Ist“. Dieser Gedankengang Heideggers ist einfach, was aber nicht bedeutet, dass er nicht schwierig ist. Wenn wir wahrnehmen, dass Etwas ist, dass hier Fenster sind, dass wir hier im Raum sind, dass hier Leuchten an der Decke sind, dass hier eine Projektionswand ist, dann sind das lauter „Etwasse“, über die wir uns unterhalten können, Seiendes. Um aber überhaupt zu verstehen, dass diese Dinge sind, brauchen wir eigentlich schon eine Voraussetzung, nämlich ein Verständnis, was es überhaupt bedeutet, dass etwas ist. Es braucht ein Verständnis dafür, was ich mit diesem „ist“ meine.

In seinem Studium der Ursprünge des Denkens hat Heidegger gesehen, dass diese Offenheit, dass überhaupt Etwas ist, eine Erkenntnis des Staunens war, dass aber im Prozess dieses Entfaltens des Denkens diese Grundlage immer mehr in den Hintergrund geraten ist. Zu einem bestimmten Zeitpunkt, den er den Beginn der Metaphysik nennt, haben wir so getan, als wäre dieses „Ist“ auch ein Etwas, ein Seiendes, als wäre es ein Seiendes unter Seiendem. Am deutlichsten kommt das in der mittelalterlichen Philosophie zum Ausdruck, wo das Grundlegende, alles Fundierende, nämlich Gott, als das höchste Seiende gedacht wird. Heidegger spricht von Seins-Geschichte. Das ist einerseits eine Vergessens-Geschichte, aber andererseits auch eine notwendige Geschichte unserer modernen Entwicklung.

Heidegger hat eine ganz eigentümliche Bezeichnung für den Menschen. Man hat vielfach kritisiert, dass er eine so eigene Sprache entwickelt hat, vielleicht ist manches an seiner Sprache auch wirklich nicht notwendig, aber zumindest diese Setzung ist m. E. sehr spannend. Wenn er in seinem Hauptwerk Sein und Zeit vom Menschen spricht, verwendet er das Wort „Dasein“. Wenn man diesem Begriff nachgeht, ist beides, nämlich dieses „Sein“ und auch dieses „Da“ ausschlaggebend. „Da“ ist eine Offenheit zu etwas, das da ist, eine Offenheit, die Gegenstände wie ein Tisch, ein Stuhl, ein Baum selbst nicht besitzen. Für Heidegger ist dies die einzige Existenzform, der es um Sein selber gehen kann, nicht um die Dinghaftigkeit, sondern um das Erkennen, dass Etwas ist. In einer anderen Sprache gesprochen könnte man das auch so formulieren, dass es um die Bewusstseins-Entfaltung geht, bewusst wahrnehmen zu können, dass Etwas ist.

In seiner späten Philosophie, nach seiner sogenannten „Kehre“, spitzt Heidegger diesen Gedanken sogar noch zu. In Sein und Zeit fragt er noch, inwiefern unsere Entfremdungssituation dadurch gekennzeichnet ist, dass wir dieses Sein nicht mehr wahrnehmen können. Er zieht aber seine Aufmerksamkeit immer mehr von diesem Subjekt des Daseins zurück und sieht sich diesen Raum an, in dem es überhaupt erscheinen kann, weil es sich im „Da“ zeigt. Seine späte Philosophie ist die Philosophie eines Ereignisses, und er spricht von der Offenheit des Ereignisses, in dem sich etwas ereignet. Wenn man diesem Gedanken nachgeht, ist es nachvollziehbar, dass es ein Da braucht, ich würde dazusetzen: ein Bewusstsein, damit sich etwas ereignet. Es braucht menschliches Bewusstsein, in dem ein Ereignis wahrgenommen wird: Zu sehen, dass dieses Ereignis all unseren Begrifflichkeiten vorausgeht; wahrzunehmen, dass wir zum Beispiel in diesem Raum hier in einem Ereignis sind. Es gibt eine ganze Reihe von Gedanken, Ideen, Vorstellungen, Erwartungen, die in dieses Ereignis mit eingebracht werden können, oder, um es anders zu sagen, mit der die Offenheit dieses Ereignisses verstellt werden kann, bis ich den Grundcharakter des „Es ereignet sich etwas gegenwärtig“ gar nicht mehr wahrnehme.

Wir sind hier nicht mehr weit von einem meditativen Verständnis dessen, was im Buddhismus „Leere“ heißen würde. Die Gegenwärtigkeit der Leere, wo sich etwas ereignen kann, demgegenüber unsere Subjektivität, also das, was die moderne Philosophie seit Descartes für die Grundlagen unseres Daseins hält, dass dieses Subjekt, das die Welt wahrnimmt, sekundär ist. Denn selbst dieses Subjekt hat sich erst in diesem Ereignisraum gebildet. Es ist erst zu diesem Subjekt geworden. Es braucht diesen Raum, um überhaupt das Subjekt zum Subjekt werden zu lassen. Umgekehrt heißt das: Eine Trennung, die wir als selbstverständlich nehmen, zwischen mir, meinem Bewusstsein und meiner Wahrnehmung, sprich der Welt, gibt es ursprünglich nicht, sie ist gesetzt. Primär ist eine Offenheit, die eigentlich dieser Trennung vorausgeht. Ohne ein meditatives Verständnis kann das nicht wirklich nachvollzogen werden.

Aus dieser Haltung, aus dieser Erfahrung heraus, kommt bei Heidegger eine vehemente Zeitkritik. Unsere sogenannte objektive Wissenschaft ist nichts anderes als die Weiterentwicklung dieses getrennten Denkens, das in sich durchaus seine Sinnhaftigkeit hat, da sie ja all das, was uns die Technik bringt, schafft. Aber sie lässt etwas Entscheidendes außen vor, und verfehlt das, was wir eigentlich sind, und was die Welt eigentlich ist. Eine Nicht-Getrenntheit, die eigentlich das Ereignis der Welt ist, kommt nicht mehr in die Wahrnehmung.

Ich glaube, dass man Heidegger nicht verstehen kann, wenn man nicht bedenkt, dass er in seinen Anfangsjahren, noch als Student vor allem auch einen Autor gelesen hat, nämlich Meister Eckhart. Darüber hört man selten etwas in Philosophieseminaren, und Heidegger ist nicht zuletzt auch deshalb so missverstanden worden, weil man ihn nicht verstehen kann, wenn man ihn nicht als mystischen Denker erkennt.

Heidegger spricht grundlegend von einer „Seins-Vergessenheit“, der wir alle erlegen sind. Damit meint er das Vergessen, dass die Offenheit des Da die Grundlage all dessen ist, was wir erst an Unterscheidung von Subjektivität und Objektivität, an menschlichem Selbstverständnis entwickelt haben. Das bringt ihn auch zu einer radikalen Kritik des Christentums, weil er sagt, das christliche Verständnis des Absoluten ist das Verständnis des Absoluten als des höchsten Seienden – es macht auch das Höchste zum Objekt. Da ist die Getrenntheit schon mitten drinnen. Nur die Vorsokratiker hatten für ihn noch dieses Staunen, dieses Offene gegenüber der Offenheit des Seins des Seienden. Dann zeigt Heidegger, wie diese Offenheit langsam durch die Entwicklung der Philosophie sich selbst verstellt hat und auch verstellen musste, bis es zu einer krisenhaften Zuspitzung in seiner gegenwärtigen Zeit gekommen ist. Und er meinte, was wir brauchen, ist „ein anderer Anfang“. Er sah im griechischen Denken einen ersten Anfang, wo wir in der Erkenntnis, dass Etwas ist, in aller Ausführlichkeit diesem Etwas nachgegangen sind. Dieses Etwas haben wir dann zu einem ganzen Weltverständnis ausgebaut. Aber dieses „Ist“ haben wir immer mehr übersehen, haben uns angewöhnt, den Seins-Grund zu übersehen, um es in einer anderen Sprache zu sagen. Wir brauchen mit Heidegger gesprochen einen anderen Anfang, wo wir neu anfangen, das Sein zu denken und zu sehen.

Das ist radikal schwierig, weil unsere ganze Sprache auf das Seins-Verständnis aufgebaut ist, das uns die Metaphysik geliefert hat. Heidegger selbst hat sich in der Art eines tastenden Vordenkens genähert, was dieser andere Anfang, der das Sein und nicht nur das Seiende, also diese grundlegende Einheit, mitdenkt. Heidegger sah seine Aufgabe bewusst als das Denken dieses Anfangs an, weil er meinte, dass die Kunst, die Poesie, dies durchaus schon geleistet hat, und zwar vor allem in der Dichtung Hölderlins. Der späte Heidegger sah die Aufgabe der Philosophie darin, „Hölderlin zu denken“. Er sagt in einem Satz, dass er eigentlich nur versucht, denkend nachzuvollziehen, warum jemand wie Hölderlin möglich war. Hölderlins Versuch, in der Poesie diese Trennung von Subjekt und Objekt in etwas, wo das Staunen wieder lebt oder, wie Hölderlin sagen würde, wo die Götter wieder anwesend sind.

 

Die Faszination „sich einschalten zu können“

Die grundlegende Trennung vom Sein zu überwinden hat Heidegger als Kulturrevolution angesehen. Als jemand, der politisch immer radikal naiv war und der sich eigentlich auch vor dem Jahr 1932 nie für Politik interessiert hat, verfiel Heidegger dabei der Hoffnung, dass die mit romantischen Versatzstücken verbrämte völkische Kritik an der Moderne verwendbar wäre für das, was er selbst als Kritik der Moderne vorzubringen hatte – mit seinem ernsthaften Versuch, eine denkende, d. h. nicht eine prä-rationale, sondern eine trans-rationale Antwort auf die Kulturkrise zu finden. Seine Hoffnung hatte auch mit dem Gefühl zu tun, dass hier in Deutschland mit den ganzen Grundlagen der romantischen Tradition ein Kulturauftrag besteht. Und Heidegger meinte, dass die völkische Bewegung der Nazis für seine eigenen Ideen irgendwie instrumentalisierbar sein könnte. Den biologischen Rassismus der Nazis hat er dabei übrigens nie unterstützt, sondern er hat bald angefangen, ihn in seinen Vorlesungen zu kritisieren.

Eine schnelle Antwort auf diese Widersprüchlichkeit gibt es nicht. Am meisten sticht heraus, dass selbst dieses tiefe Denken durch die Macht und die Möglichkeit der Ermächtigung verführbar ist. Das hatte sicher mit der Faszination zu tun, dass Heideggers fundamentale Kulturkritik mit dem Nationalsozialismus jetzt auf einmal handlungsmächtig werden könnte. Heidegger meinte, man müsse sich einschalten, etwas aus dieser Situation machen. Und er zeigt eine Begeisterung, dass sein eigenes Kulturverständnis für eine philosophische Revolution einbringbar wäre, in das, was sich damals gerade völkisch abspielte. Diese Begeisterung trägt Züge, die erschreckend sind. Heideggers damaliger Freund, Karl Jaspers, der in eine ganz andere Richtung gegangen ist, schildert ein Gespräch, das er mit Heidegger Anfang 1933 hatte, wo Jaspers zu ihm ins Zimmer kommt, und sagt, diese Begeisterung da draußen, das sei ja genauso wie 1914 bei Kriegsausbruch. Eigentlich hoffte Jaspers, dass Heidegger seine Entrüstung teilen würde, aber als Antwort mit leuchtenden Augen von Heidegger hörte: „Ja, das ist genauso wie 1914!“ Und Jaspers sagt später, dass er sich nie verziehen hat, nicht gewagt zu haben, hier zu widersprechen. Er ließ es so stehen. Er hat es nicht gewagt, weil er gemerkt hat, dass Heidegger sich mitten in diesem elektrisierten Strom befand, der gerade geschah.

Man muss aber Heidegger auch zugestehen – und das ist etwas, was in der Kritik an ihm oft unterschlagen wird –, dass seine Begeisterung und seine aktive Unterstützung der Nazis exakt acht Monate angehalten hat, von März 1933 bis Anfang 1934. Nicht, dass er nicht auch später noch Gedankengänge in Richtung eines konservativen Revolutionärs gehabt hätte. Aber er begann, sich radikal zurückzuziehen, auch den Rektorposten an der Universität Freiburg, den er übernommen hatte, gab er sofort ab. Und in seinen mittlerweile berühmten Nietzsche-Vorlesungen und Nietzsche-Seminaren, die nur eine einzige Kritik an Nietzsches Konzept des Willens zur Macht sind, worin er die letzte Position der Metaphysik sieht, wird bald schon seine Kritik gerade auch am biologischen Rassismus der Nazis offensichtlich. Er hat nie den Mut gehabt, damit an eine größere Öffentlichkeit zu gehen. Vor allem aber – und das ist etwas, was man Heidegger am allermeisten vorwerfen muss – hat er sich nach dem Krieg nie dazu bemüßigt gefühlt, Verantwortung dafür zu übernehmen, dass er im entscheidenden Augenblick auf der radikal falschen Seite stand und sie mit seinem ganzen damaligen Ansehen aktiv unterstützt hat. Er hat nie die menschliche Dimension dessen anerkannt. Ja, er war verwundert, dass man ihm das zum Vorwurf machte, weil er ja nach eigenem Verständnis schon innerlich distanziert war, bevor die Nürnberger Gesetze beschlossen wurden und der Holocaust begann. Er war verwundert, dass er überhaupt damit in Verbindung gebracht wurde. Dass er sich dem nie wirklich gestellt hat, ist das Unverzeihlichste, was man diesem Mann vorwerfen muss, weil er auch die Tiefe seines Denkens damit radikal diskreditiert hat.

Heidegger hat auch den Beziehungen zu seinen jüdischen Schülern, von denen er interessanterweise sehr viele hatte und die – wie Hans Jonas, Emmanuel Lévinas und viele andere – später selbst berühmte Philosophen wurden, nie Rechnung getragen.

 

Martin Heidegger und Hannah Arendt

Es ist eine sehr widersprüchliche Situation, deren Höhepunkt vielleicht seine Beziehung zu Hannah Arendt ist, die in einer jüdischen Familie geborene deutsche und spätere amerikanische Philosophin. Sie war nicht nur eine Schülerin von Heidegger, sie war auch nicht nur seine Geliebte. Wie beide unabhängig voneinander festgestellt haben, war ihre Beziehung die Schlüsselbeziehung beider Leben. Sie war die Frau, die in ihrer eigenen Genialität Studentin bei ihm wurde, während er Sein und Zeit schrieb. Heidegger hat zugestanden, dass er ohne sie wahrscheinlich das Buch gar nicht hätte schreiben können. Und Hannah Arendt sagt, dass sie eigentlich ihr ganzes Denken Martin Heidegger verdankt.

Arendt musste 1933 aus Deutschland fliehen und wurde zur aktiven Zionistin. Vieles, was ihr Denken ausmacht, kann man nur verstehen, wenn man es als untergründigen Dialog mit Heidegger liest. Hannah Arendts Philosophie der „Vita activa“, wie ihr Hauptwerk auf Deutsch heißt, hat sehr viel mit Heideggers „Vita negativa“ zu tun. Heidegger dachte die menschliche Existenz vor allem auf ihre Endlichkeit hin und meinte: „Das Sein zeigt sich erst, indem das Sein seine Endlichkeit wahrnimmt“. Heideggers Denken war radikal solipsistisch, abseits der Welt, es entstand in seiner Hütte, es war ein Denken des Seins selber. Hannah Arendts Denken war ein Denken der Anfänglichkeit, der ewig neuen Geburt der menschlichen Existenz. Ihr Denken war ein Denken in der Welt, der Pluralität und ein Denken des öffentlichen Raums.

Es gibt einen aufschlussreichen Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und Carl Jaspers. Jaspers war nicht nur ein enger Freund von Heidegger in den zwanziger Jahren, Heidegger schickte Hannah Arendt zu ihm, wo sie ihre Doktorarbeit über Augustinus schrieb. Nach dem Krieg wurde Jaspers ihr bester Freund in Deutschland. Sie haben sich viel über Heidegger ausgetauscht.

In einem seiner Briefe an Hannah Arendt schreibt Karl Jaspers über Heidegger: „Es ist einfach unverständlich, wie ein so unreiner Charakter so reine Einsichten haben kann.“ Hannah Arendt selbst hat eine Zeit lang nach dem Krieg nicht mit Heidegger gesprochen, ihn dann aber doch besucht, und sie haben dann ihre Beziehung, nicht im intimen Bereich, aber ihre Lebensbeziehung in vielen Bereichen wieder aufgenommen und einen intensiven Austausch begonnen. Einer bezeichnenden Anekdote zufolge hat Hannah Arendt, als sie anfing, ihr Hauptwerk Vita activa zu schreiben, Heidegger in einem Brief geschrieben: „Eigentlich müsste ich dieses Werk dir widmen, aber nach all dem, was der Fall ist, ist das nicht möglich.“ Heidegger war sehr verstimmt darüber. Hannah Arendt hat dann in den siebziger Jahren noch an einem zweiten Hauptwerk gearbeitet, das sie nicht mehr vollenden konnte. Es gibt noch einen weiteren Briefwechsel zwischen ihr und Heidegger, wo sie ihn fragt, ob er ihr erlauben würde, dass sie ihm dieses Werk widmet. Heidegger hat zugestimmt. Das Werk kam nie heraus. Aber den Briefwechsel gibt es. Es gibt diese Verschränkung zwischen diesen beiden Geistern, diesen zwei Denkern.

Ein Teil der deutschen Kulturgeschichte ist, dass Heideggers einziger Gedanke, der wirklich sein Lebenswerk ausgemacht hat, nämlich das Denken der Seins-Vergessenheit, ein radikal wichtiger Gedanke ist. Darin liegt vielleicht so etwas wie ein neuer Anfang, der eine Antwort auf die Entfremdung der Moderne ist. Das ist ein hochaktueller Ansatz. Er kann nur spirituell geleistet werden – und deshalb wird er akademisch nicht geleistet. Deswegen ist dieses Heidegger-Verständnis auch nicht das Heidegger-Verständnis, das die postmoderne Philosophie heute wirklich in den Vordergrund stellt. Deswegen ist Heidegger wichtig, und gerade deswegen ist auch sein Scheitern wichtig. Seine Biografie mit dem, was er eigentlich einzubringen hat, ebenso wie mit dem, was er auch angerichtet hat, ist eine Zuspitzung dessen, was die deutsche karmische Situation ausmacht.

 

EnlightenNext Impulse 03

 

Audios und Video zum Thema:

Paul Celan liest sein Gedicht „Todesfuge“
www.youtube.com/watch?v=gVwLqEHDCQE