Denken, Fühlen und Erleuchtung

Posted by on Okt 7, 2013 in Radio Gespräche |

Katharina Ceming und Thomas Steininger im Gespräch über echtes Denken, die Entwicklung der Intuition und eine reife Mündigkeit   THOMAS STEININGER: Als Theologin und Philosophin gehörst du zu einer jungen Generation von Denkern und Denkerinnen, die die Konturen einer moderne Spiritualität erforschen. Ich möchte zu Anfang ganz direkt fragen: Was bedeutet für dich eine modernen Spiritualität? KATHARINA CEMING: Ich denke, moderne Spiritualität heißt, dass sie tatsächlich auch die Rechnung trägt, was moderne Entwicklungen, sowohl im Bereich der Geisteswissenschaften als auch der Naturwissenschaften an neuen Weltsichten hervorgebracht haben. Die traditionellen spirituellen Systeme sind in einer vormodernen Zeit entstanden. Sie haben auf der einen Seite einen reichen Erfahrungsschatz von Methodiken, Übungen und Transformationstechniken entwickelt. Aber viele metaphysische Grundannahmen werden heute infrage gestellt. Eine Spiritualität, die auch im 21. Jahrhundert tragen soll, muss auf neue Weltsichten und Konzepte eingehen können. Eine moderne Spiritualität sollte also auch immer wieder ihre eigenen Methoden und Grundlagen reflektieren, damit sie zukunftsfähig sein kann. TS: Heute können wir nicht mehr davon sprechen, dass wir wirklich in einer säkularen Zeit leben. Zumindest seit dreißig, vierzig Jahren gibt es eine Renaissance der Spiritualität – nicht unbedingt eine Renaissance der traditionellen Spiritualität, sondern der verschiedensten Formen neuer Spiritualität, die sich oft als „spirituell aber nicht religiös“ bezeichnen. Sind das Anzeichen dieser neuen Spiritualität? KC: Zum Teil, denn diese neuen Formen von Spiritualität gründen oft sehr stark in den klassischen Kontexten, aus denen sie stammen. Entweder sind es buddhistische Wege oder Formen aus der hinduistischen Tradition, dem Sufismus, der Kabbala oder der christlichen Mystik, die von den Praktizierenden für ihr eigenes Leben angepasst werden. TS: Viele dieser neuen Formen nehmen auch Elemente der modernen Psychologie und Psychotherapie auf. Spiritualität wird hier in gewissem Sinne als Weiterentwicklung der Psychotherapie gesehen – wie in der transpersonalen Psychologie. Wenn spirituelle Arbeit im Kontext von Psychologie betrachtet wird, geht es oft um persönliche psychologische Verbesserungen. Ego-Transzendenz ist von Natur aus mehr, und hier zeigt sich eine Spannung zwischen authentischen traditionellen spirituellen Ausrichtungen und vielen postmodernen Schulen, die diese psychologische Orientierung betonen. Siehst du darin eine Problematik oder ist das ein wichtiger Fortschritt in der modernen Spiritualität? KC: Wenn beides in einer guten Weise verbunden werden kann, ist das ein ungemeiner Gewinn. Die psychologische Ebene richtet sich tendenziell eher auf den Bereich des Es oder des Schattens, die wir in der Meditation nicht unbedingt wahrnehmen. Wenn wir psychologische und spirituelle Praxis miteinander verbinden, kann dies eine gegenseitige Bereicherung sein. TS: Die psychologischen Erkenntnisse des letzten Jahrhunderts, angefangen bei Freud und Jung, sind ganz wichtige Errungenschaften. Aber wir sehen heute durchaus auch die Schattenseiten, was man vielleicht mit einer „Hyperpersonalisierung“ bezeichnen kann. Ich denke, du sprichst in deinem Buch Spiritualität des 21. Jahrhunderts einen Aspekt dieser Entwicklung...

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„Menschen machen das Leben wertvoller“

Posted by on Okt 7, 2013 in Radio Gespräche |

Ein Interview mit Steve McIntosh über die postmoderne Kritik des Fortschritts   Intro Ist der Mensch „die Krone der Schöpfung“? Für viele ist diese Formulierung zu einem roten Tuch geworden, und es wird schnell auf das destruktive Handeln verwiesen, zu dem der Mensch fähig ist. Und überhaupt: Sind die Natur und ihre Lebewesen nicht viel intelligenter als wir? Im Gespräch mit dem integralen Philosophen Steve McIntosh haben wir einmal einen Schritt zurück gemacht, um das große Bild unserer Evolution zu sehen, und ihn gefragt, worin er den besonderen Wert und die Verantwortung des Menschen sieht.   Evolve – Magazin für Bewusstsein und Kultur: In deinem neuen Buch Evolution’s Purpose entfaltest du eine umfassende Untersuchung über die Natur der Evolution, insbesondere der kulturellen Evolution. Die postmoderne Theorie hinterfragt dieses Konzept der kulturellen Evolution und des Fortschrittes vehement. Einer der Aspekte der postmodernen Kritik besagt, dass die Idee des kulturellen Fortschritts eine sehr anthropozentrische Sicht der Dinge ist. Es wird darauf hingewiesen, dass viele Krisen des 20. Jahrhunderts, besonders in Anbetracht der Zerstörung der Natur, aus dem anthropozentrischen Verständnis einer kulturellen Evolution rühren. Wie stehst du zu dieser Kritik? Wird hier nicht auf einen wichtigen Aspekt hingewiesen? SM: Viele sagen, dass der Anthropozentrismus, bei dem die Menschen denken, sie seien anders und besonders gegenüber anderen Tieren, durch unsere Hybris zur Zerstörung der Umwelt geführt hat. Aber Menschen sind nicht nur einfache Mitglieder der biotischen Gemeinschaft. Unsere Körper mögen nicht so viel anders sein als die anderen komplexeren Säugetiere. Primaten oder andere intelligente Säugetiere haben in bestimmten Situationen einen Vorteil gegenüber den Menschen. Aber der Grund dafür, warum die Menschen behaupten können, etwas „Besonderes“ zu sein, liegt darin, dass die Menschen eine Ebene der Evolution  erreicht haben, die das Biologische transzendiert. Alles was man über den Menschen sagt, gilt bis zu einem gewissen Grad auch für Tiere, Tiere haben eine Wertschätzung für bestimmte Dinge, sie lieben ihren Nachwuchs, sie zeigen eine einfache Form kultureller Evolution, sie haben einfache Formen von Sprache. Aber die menschliche Kultur entwickelt sich offensichtlich auf eine Art, auf die sich noch keine tierische Kultur oder „Zivilisation“ jemals entwickelt hat, wofür unsere globale Zivilisation ein Beweis ist. Ich sehe die Evolution als eine kontinuierliche Erschaffung zunehmenden Wertes, mit anderen Worten, die Dinge werden wertvoller, wenn die Evolution in der Zeit voranschreitet. Die menschliche Zivilisation ist ein emergierender Bereich der Evolution, der sowohl das Leben als auch die Materie transzendiert. Und ebendiese Emergenz hat das Leben und die Materie im Grunde wertvoller gemacht. Die Evolution gewinnt selbst durch diesen neuen Bereich an Wert. ENI:  Du sagst, dass die Emergenz des Menschlichen das Leben wertvoller gemacht hat. Das ist eine starke Behauptung. Warum ist der Planet wertvoller, weil es die menschliche...

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Der Kollaps kommt

Posted by on Okt 7, 2013 in Radio Gespräche |

Thomas Steininger im Gespräch mit Johannes Heimrath In den letzten 40 Jahre haben wir als Antwort auf die zunehmende Umweltzerstörung den Aufbruch einer ökologischen Alternativbewegung erlebt, die mittlerweile im Mainstream angekommen ist. Aber kann ein neues ökologisches Bewusstsein den weltweiten Krisen wirklich etwas entgegensetzen? Der Journalist Johannes Heimrath ist ein Pionier der Ökologiebewegung und heute davon überzeugt, dass ein ökologisch-sozialer Kollaps nicht mehr abwendbar ist und entwickelt bereits die Vision einer Post-Kollaps-Gesellschaft. Das evolve Magazin sprach mit ihm über die Zeichen der globalen Krise und seine Vorstellungen von einem gelungenen Leben.   THOMAS STEININGER: Lass mich gleich zum Anfang auf deine Sicht des Themas Zukunft kommen. Deine Hauptbotschaft besteht darin, dass es im Grunde keinen Sinn macht, sich zu überlegen, wie man den Kollaps vermeidet, stattdessen sollten wir uns überlegen, wie wir nach dem Kollaps leben wollen. Wie kommst du zu dieser Schlussfolgerung? JOHANNES HEIMRATH: Das ist das Ergebnis Jahre langen Nachdenkens über den Wert dessen, was ich in meinem Leben getan habe. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre war ich Teil des alternativen Aufbruchs. Damals waren Worte wie Ökologie oder Nachhaltigkeit noch kein Begriff. Wir waren in dem besten Glauben, dass wir der Welt positive Impulse geben können. Obwohl ich sagen muss, dass wir in vielen Bereichen Pioniere waren und Spuren hinterlassen haben, ist die Bilanz, die man ziehen muss, herausfordernd. Wenn man diese positiven Entwicklungen mit dem vergleicht, was ansonsten in der Welt geschehen ist, muss man sagen, dass sich die Dinge stärker zum Krisenhaften gewendet haben. Wir sehen, dass der Abstand zwischen dem, was wir als lebenswerte Welt sehen, und dem, was die Realität zeigt und wo der Trend hingeht, so groß geworden ist, dass man diese Kluft gedanklich, seelisch und emotional kaum mehr überbrücken kann. Die Zeichen des Zusammenbruchs TS: Diese Krisen sind vielen Menschen bewusst: Klimaerwärmung, Weltwirtschaftskrise, soziale Krise, um hier nur einige zu nennen. Aber was führt dich zu der Annahme, dass der Zusammenbruch unserer Kultur notwendig ist, damit wir uns wieder in eine positive Richtung bewegen können? JH: Ich meine nicht, dass der Kollaps notwendig ist, sondern dass er nicht mehr zu umgehen ist. Beinahe täglich erreichen uns Studien, die dies belegen. Wie beispielsweise die neuen Daten zum Klimawandel aus dem Bericht der Weltbank, wo klar gesagt wird, dass wir nicht mit zwei Grad Erwärmung, sondern mit vier oder fünf Grad Erwärmung rechnen müssen. Oder nehmen wir die Ozeane, den pazifischen Müllwirbel, dessen Fläche fast doppelt so groß wie Deutschland ist. Dort kommen auf ein Kilogramm natürliches Plankton sechs Kilogramm Plastikpartikel, die den Ozean verseuchen. An manchen Stränden gibt es mehr Plastikpartikel als Sandkörner. Ist das jemals wieder rückgängig zu machen oder ist es nur der Anfang einer Entwicklung, weil dieser...

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Integrale Beziehungen

Posted by on Okt 7, 2013 in Radio Gespräche |

Ein Gespräch mit Martin Ucik über die Entwicklung unserer Beziehungen und ….   THOMAS STEININGER: Die Beziehung zwischen Mann und Frau ist eines der Grundthemen des Menschseins. Du betrachtest das aus integraler Perspektive. Was ist das Besondere an einem integralen Verständnis von Beziehung? MARTIN UCIK: Nun zunächst, dass sich unser Beziehungsverständnis stufenweise entwickelt. Für jede der Stufen gibt es Bücher, die ich während der Arbeit an meinem Buch studiert habe. Es gibt sie für egozentrische Männer und Frauen, die hauptsächlich das andere Geschlecht manipulieren wollen, um ihre Ziele zu erreichen. Bei den Männern dieser Stufe ist das Ziel normalerweise Sex, und bei den Frauen ist es, einen guten und reichen Mann zu finden. Bücher für konventionelle Männer und Frauen beschreiben  hauptsächlich klar definierte Geschlechterrollen, und wie man sich da einfügt. Sehr bekannt ist beispielsweise Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus. Es gibt darüber hinaus Beziehungsbücher für rationale Männer und Frauen, die Beziehungen entweder unter einem psychologischen oder wissenschaftlichen Aspekt betrachten, wie die von Helen Fisher über die Wirkung von Hormonen. Schließlich gehen Bücher für pluralistische Paare mehr in die Tiefe , um einerseits eine Seelenverbindung zu entwickeln und andererseits Heilung im Bereich des Schattens zu erreichen. Im Bereich der Sexualität wird in diesem Fall über Tantra und ähnliches gesprochen. Es gibt also vier Gruppen: die egozentrischen, konventionellen, rationalen und pluralistisch-sensiblen Beziehungsansätze. Bei der Arbeit an meinem Buch fiel mir auf, dass diese Aspekte nie zusammen betrachtet wurden. So könnte man sagen, dass mein Ansatz alle früheren Ansätze integriert. TS: Anhand der verschiedenen Beziehungsformen hast du die integrale Landkarte menschlicher Bewusstseinsevolution nachgezeichnet, und aus integraler Sicht haben ja alle Ebenen ihre Berechtigung. MU: Richtig. Jede Stufe schafft Lösungen für die vorherige Stufe, kreiert aber auch eigene Probleme. Aus integraler Perspektive betrachtet man sowohl die hilfreichen oder nützlichen Aspekte einer Stufe als auch die weniger hilfreichen und erhält so differenzierteres Bild. TS: Wenn man diese Entwicklung der Mann/Frau-Beziehung nachzeichnet – wie du es in deinem Buch getan hast – was verändert sich im Laufe der Entwicklung? MU: Aus meiner Sicht ist das für Männer und Frauen unterschiedlich. Der Mann spürt, biologisch begründet, eine sehr starke Anziehung zu Frauen, die gesunde Kinder gebären können. Das bedeutet, dass sie oft jünger als er und sexuell attraktiv sind. Der Mann will meistens eine Frau, die ihn in seiner Lebensaufgabe unterstützt. Auf den unterschiedlichen Entwicklungsstufen verändert sich diese Lebensaufgabe stark, während die Anziehung der Männer zu einer jüngeren Frau gleich bleibt. Frauen wählen weniger nach dem Aussehen. Im egozentrischen Bereich fühlen sie sich hauptsächlich zu Männern hingezogen, die ihnen Sicherheit bieten können. Auf der konventionellen Entwicklungsstufe sind Treue und Zuverlässigkeit wichtig – also die traditionelle Ehe. Auf der rationalen Entwicklungsebene tritt der Drang...

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Die Entfaltung der Verbundenheit

Posted by on Okt 7, 2013 in Radio Gespräche |

Ein Interview mit Ervin Laszlo von Thomas Steininger   THOMAS STEININGER: Seit der Aufklärung hat der Siegeszug der Wissenschaft dazu geführt, dass wir unseren Blick vor allem auf die äußere Dimension des Sichtbaren und Messbaren gerichtet haben. Im Laufe der Jahrhunderte gab es viele Gegenbewegungen, die den Wert des Innerlichen hervorhoben – von der Romantik bis zur modernen Psychologie und vielen spirituellen Strömungen. Es scheint heute, dass eine neue Synthese des Äußeren und Inneren möglich und notwendig ist, um unseren Weg als Menschheit des 21. Jahrhunderts zu gehen. Diese Integration ist ein Kernstück Ihrer Arbeit. Als Systemtheoretiker beschäftigen Sie sich schon seit Langem mit der Frage, wie die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Systemtheorie und anderer Disziplinen mit der Tiefendimension der Wirklichkeit, die wir vielleicht als Bewusstsein bezeichnen können, zusammenhängen. Worum geht es Ihnen dabei? ERVIN LASZLO: Ein System ist für mich eine Einheit, die in der Natur erscheint und sich weiterentwickelt. Diese Entwicklung vollzieht sich in einer Abfolge mit immer größeren Ebenen der Komplexität: Teilchen, Atome, Kohlenstoffverbindungen, Organismen, Biotope, ganze Biosphären, Galaxien und so weiter. Das sind alles zusammengesetzte, komplexe Systeme, die in der Natur erscheinen. Mich interessieren hauptsächlich natürliche Systeme, die in der Natur entstehen und sich entwickeln, also einen evolutionären Prozess durchlaufen. Diese Systeme können wir nicht rein mechanistisch erfassen, denn das wäre nur dann möglich, wenn wir die ganze Welt lediglich als einen Mechanismus begreifen. Aber es gibt Phänomene, die zeigen, dass sich viele Systeme untereinander verständigen, dass sie Informationen verarbeiten können. Diese Systeme haben nicht nur eine rein materielle, physikalische Perspektive. Sie haben auch Aspekte wie Wahrnehmung. Für mich haben alle Systeme beide Aspekte. Von außen betrachtet sind es nur physikalische, biologische, biochemische oder biophysische Systeme. Wenn wir beispielsweise das Bewusstsein des Menschen untersuchen, erkennen wir von außen betrachtet nur Neuronen, die im Gehirn aktiv sind. Von außen betrachtet ist jeder Mensch also ein physikalisch-biologisches System. Aber von innen betrachtet sind unsere mentalen Vorstellungen keine materiellen Phänomene. Sie erscheinen im Bewusstsein. Ich nehme an, dass ich ein Bewusstsein habe, aber ich nehme gleichzeitig an, dass auch Sie ein Bewusstsein haben und dass jeder Mensch ein Bewusstsein hat. Ich kann Bewusstsein aber nicht nur auf den Menschen beschränken. Was ist mit meinem Hund? Oder der Pflanze in meinem Garten? Oder mit der ganzen Biosphäre? Überall, wo es ein System gibt, muss auch eine bewusstseinsartige Perspektive vorhanden sein. Die beste und einfachste Vorstellung über die Welt, die mit wenig Spekulation auskommt, ist, dass der ganze Kosmos ein psycho-physisches System ist. Von außen betrachtet ist es ein physikalisches System, von innen betrachtet hat jedes System, jedes Atom, jede Biosphäre auch diesen inneren Bewusstseinsaspekt. Dieser Bewusstseinsaspekt artikuliert sich, wird immer komplexer und bildet immer größere Einheiten, zugleich wird das System...

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Die Vermessung der Innen-Welt

Posted by on Okt 7, 2013 in Radio Gespräche |

Thomas Steininger im Gespräch mit Harald Walach   THOMAS STEININGER: In Ihrem Buch Spiritualität – Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen vertreten Sie die Ansicht, dass die Aufklärung nicht abgeschlossen ist und dass wir heute auch die Spiritualität in das aufgeklärte Denken miteinbeziehen sollten. Warum ist das Ihrer Meinung nach der nächste Schritt der Aufklärung? HW: Ich glaube, es ist gefährlich, wenn wir denken, dass die Aufklärung beendet sei. Denn immer wenn wir das tun, ist die Gefahr sehr groß, dass wir uns in eine neue Form des Dogmatismus oder in eine verkürzte Rationalität verrennen. Ich denke, das können wir heutzutage in vielen Bereichen sehen. Das zeigt sich in der politischen und ökonomischen Situation, und wir sehen es auch bei unserem Umgang mit unseren ökologischen Problemen. Die landläufige Meinung ist folgende: Wenn wir klug denken und vernünftig forschen, werden wir diese Probleme lösen können. Aber ich glaube, das ist ein Fehlschluss. Deswegen bin ich der Meinung, wir müssen uns dem Thema der Spiritualität widmen, und zwar nicht in einer Form, die zu einem bestimmten Glaubensbekenntnis hin tendiert, sondern als eine neue Form der Erfahrung, die die wissenschaftliche Erfahrung, die wir gut entwickelt haben, ergänzt. TS: Wie Sie in Ihrem Buch schreiben, geht es Ihnen dabei vor allem auch um die Welt: um die zentrale Einheit von Geist/Seele auf der einen und Materie auf der anderen Seite. Sie vertreten die Ansicht, dass diese Einheit nur erfahrbar ist, wenn wir uns auf Innenräume einlassen, die im Grunde spirituell sind. HW: Richtig. Das ist eine wichtige Voraussetzung, von der ich ausgehe. TS: Wenn das der Fall ist, ist eine undogmatische Spiritualität eigentlich nur ein Ernstnehmen der Einheit der Welt als reale Wahrnehmung. Es gibt ja auch so etwas wie eine spirituelle Wissenschaft: In den verschiedensten kulturellen Traditionen der Spiritualität gab und gibt es Techniken der Spiritualität wie Gebet und Meditation. Und bei aller kulturellen Unterschiedlichkeit scheint eine Wahrnehmung von Nicht-Getrenntheit universell zu sein. Und genau hier wird Spiritualität wichtig für die Herausforderungen, mit denen wir heute in der Welt konfrontiert sind. HW: Ja. Genauso würde ich das sehen. Das würde bedeuten, dass wir einen komplementären Zugang zur Welt kultivieren. Im Moment ist der Innenzugang zur Welt – wie wir ihn in der antiken Philosophie und auch in anderen kulturellen Traditionen wie dem Hinduismus oder Buddhismus sehen – verdrängt worden durch einen sehr effizienten Außenzugang zur Welt, aus dem wir unsere heutigen Naturwissenschaften schöpfen. Und das war eine sehr hilfreiche und kulturell wichtige Entwicklung. Aber wenn wir uns nur auf diesen äußeren Zugang zur Welt stützen – auf Beobachtung und deren Verfeinerungen durch die Methodologie der Wissenschaft –, dann verlieren wir den Innenzugang zur Welt. Dann brechen wir letztendlich auch die Welt auseinander,...

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