„Denkend leben“

Posted by on Okt 7, 2013 in Neue Spiritualität |

Ein Gespräch mit Dr. Thomas Steininger Das Gespräch führte Dr. Nadja Rosmann. Erschienen in: integrale perspektiven 22 – 07/2012   Der Gegensatz zwischen dem Denken und anderen Zugängen zur Welt wie Intuition und spiritueller Erfahrung wird in unserer Kulturgeschichte schon lange heftig diskutiert. So wandte sich die Romantik vehement gegen den Rationalismus Immanuel Kants, denn Kant hatte in seiner Philosophie eine harte Grenze zwischen  Wissen und Glauben und auch zwischen Denken und Erfahrung gezogen. Dagegen brachten die Romantiker die „poetische Erkenntnis“ ins Spiel. Ihre denkkritische Haltung findet auch heute in der Postmoderne große Zustimmung. Vielleicht überwindet die integrale und evolutionäre Philosophie heute diese starre Frontstellung zwischen Romantik und Aufklärung. Im Gespräch mit dem Philosophen Dr. Thomas Steininger gehen wir der Frage nach, wie sich die Dialektik von Verstand und Spiritualität heute weiterentwickelt und was das für unser Verständnis der Welt bedeutet.   Die europäische Aufklärung war ein wesentlicher Schritt zur geistigen Mündigkeit. Sie führte aber auch zu einer Entfremdung von den eher numinosen Sphären des menschlichen Seins. Diesen Gegensatz zwischen Denken und Mystik kann man aber auch anders, dialektischer und durchlässiger  sehen. Thomas Steininger: Ich glaube wir sollten das Wort „Denken“ viel weiter als üblich verstehen. Wir Menschen begannen doch mit dem Denken seit den Anfängen unserer Geschichte. Diese ersten Formen des magischen und mythischen Denkens würden wir heute vielleicht nicht mehr so bezeichnen, doch damals haben wir damit angefangen, die Welt in unserem Bewusstsein zu spiegeln. Wir begannen der Welt „nachzusinnen“. In diesem Sinne war das eine Form des Denkens. Aber erst viel später entdeckten wir das Denken, so wie wir es heute verstehen. Die Geburt des ratioanalen Denkens kann man vielleicht mit der Geburt der Philosophie gleichsetzen. Damals, in den Anfangszeiten der  griechischen Philosophie, hat sich unser Verhältnis zu Sprache und Denken radikal verändert. Im mythischen Denken war die Sprache ein Medium, in dem wir uns unsere großen Geschichten erzählt haben. Der Sinn des Lebens offenbarte sich in unseren Mythen. Die Philosophen entdeckten mit der Logik einen neuen Zugang zur Welt. Statt Geschichten zu erzählen, begannen sie direkt forschend zu fragen: „Wie ist die Welt beschaffen? Was liegt ihr zu Grunde?“ Und versuchten auf diese Fragen rationale Antworten zu finden. Dieses logische Denken der ersten Philosophen führte uns aus dem mythischen Denken heraus. Eigentlich war das der Beginn der Aufklärung. Aber dieses neue, rationale Denken führte auch dazu, dass diese Denkart zunehmend nur noch sich selbst wahr- und ernst nahm. Plato brachte das auf den Punkt. Für ihn waren das einzig Reale die Ideen. Alles andere waren aus seiner Sicht nur mehr Schatten. Bei Aristoteles waren es die Kategorien, die die Welt bestimmten. In einem gewissen Sinne schoben sich die logischen Kategorien, welche die metaphysische Philosophie damals...

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Es bleibt der Ozean

Posted by on Okt 7, 2013 in Neue Spiritualität |

Ein Gespräch mit Willigis Jäger über die Radikalität der Seinserfahrung   Wie kaum ein anderer hat Willigis Jäger die Spiritualität im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahrzehnten mitgeprägt. In all den Jahren seines Wirkens trat er immer für die transformative Kraft der Erfahrung transzendenten Bewusstseins ein, ohne die für ihn jede Spiritualität in Dogmen gefangen oder oberflächlich bleibt. Dieses Vermächtnis ist auch heute aktuell. Wie Willigis Jäger in diesem Interview betont, das evolve Magazin – Herausgeber Thomas Steininger mit ihm im Benediktushof führen konnte, beruht auch unsere Mitwirkung in der Entwicklung von Welt und Menschheit auf der authentischen Überschreitung unseres Ichbewusstseins.   THOMAS STEININGER: Bewusstseinskultur fängt mit der Frage an, wer wir als Menschen eigentlich sind. „Wer bin ich?“ ist so etwas wie die ewige Frage der Mystik, die uns Menschen überhaupt erst auf den Weg bringt, um nach tieferen Dimensionen in uns zu suchen. Wer sind wir? WILLGIS JÄGER: Unser Alltagsverständnis sagt uns nicht, wer wir wirklich sind. Wir sind ein Wellenschlag in einem zeitlosen Ozean. Unser Intellekt lässt uns vieles begreifen, ist aber eine Eingrenzung. Er sagt uns nicht mehr über uns, als uns ein Blick durch ein Schilfrohr über den Himmel sagt, meint Zen. Der Glaube, dass es möglich sei, alles Wissenswerte durch bloßes Nachdenken zu erreichen, ist eine Illusion, und der naive Realismus, dass die Dinge das sind, was sie scheinen, ist die andere, sagt Albert Einstein. Wer die rational nicht mehr fassbare Tiefe des Seins nicht mit einbezieht, wird keine befriedigende Antwort über das Wesen des Menschen erhalten. Der Weg des Zen und der Mystik hingegen führt uns in die Einheit, Verbundenheit und Liebe. Jenseits des Intellekts TS: Eine Übung aller Formen von Mystik, um unser wahres Wesen zu erkennen, ist die Meditation. Der Benediktushof, den Sie aufgebaut haben, ist auch ein Platz der Meditation und diese Praxis ist ein Zentrum Ihrer Arbeit. Warum denken Sie, dass Meditation dazu geeignet ist, uns aus dieser Begrenzung des Intellekts herauszuführen? WJ: Wenn wir wirklich begreifen wollen, wer wir sind, müssen wir das Ich und seine Eingrenzung überschreiten. Die wirkliche Quelle des Seins liegt jenseits unserer Ichstruktur. Wir müssen mit unserem Wesen in Kontakt kommen, das zeitlos ist. Seit sicher fünftausend Jahren gibt es Menschen, die diese personale und rationale Eingrenzung überschritten haben. Heute ist für immer mehr Menschen der Glaube an einen personalen Gott nicht mehr annehmbar. Der kontemplative Weg und Zen führen unter anderem durch Meditation aus der Eingrenzung eines solchen Glaubens heraus. Wir ahnen dann, dass es eine Seinsebene gibt, die das Ich übersteigt. TS: Wir haben als Menschheit die Mystik in den unterschiedlichen Kulturen auf unterschiedliche Art und Weise entwickelt. Es gibt in den asiatischen Kulturen, in den europäischen Kulturen, in den verschiedensten...

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Unser Einzigartiges und unser Authentisches Selbst

Posted by on Okt 7, 2013 in Neue Spiritualität |

Thomas Steininger & Sonja Student über die Perspektiven einer neuen Spiritualität   THOMAS STEININGER: Wir haben in der letzten Zeit viel über das Authentische Selbst und das Einzigartige Selbst gesprochen. In dieser Diskussion geht es darum, wie wir heute im 21. Jahrhundert Spiritualität neu verstehen können. Entsteht durch die neue Spiritualität auch ein neues Selbstbild, ein neues spirituelles Selbstverständnis? SONJA STUDENT: Ja, zunächst sehen wir, dass in einer neuen Spiritualität die evolutionäre Perspektive eine ganz wichtige Rolle spielt. Es geht in der Spiritualität von heute nicht mehr nur darum, die Zeitlosigkeit oder den Urgrund des Seins zu erkennen. Wir müssen uns auch mit anderen Dimensionen innerlich befassen. Das alles übersteigt den klassischen Begriff der Erleuchtung. Wir können uns darin nicht mehr ausschließlich auf die mystischen Traditionen oder die großen Weltreligionen berufen. Die integrale Theorie spricht deshalb davon, dass es nicht nur um das Aufwachen geht; es geht gleichzeitig um einen Prozess des Aufwachsens. Wir müssen auch darauf achten, erwachsene und entwickelte Persönlichkeiten zu werden. TS: Ja, wir brauchen beides. Der Mystik geht es um das Aufwachen, um Erleuchtung. Viele integral oder evolutionär interessierte Menschen vergessen, wie wichtig diese Dimension des Absoluten, wie wichtig Transzendenz ist. Diese Dimension steht aber bei allen traditionellen, mystischen Wegen im Mittelpunkt. Im Osten sprach man manchmal von der Seins-Erfahrung, im Buddhismus von der Leere, die christlichen Mystiker nannten es die direkte Erfahrung Gottes. Nun ging der Westen mit der Moderne und der Aufklärung einen anderen Weg. In der Aufklärung geht es darum, dass wir eigenständige und selbstverantwortliche Individuen werden. Aufgeklärt sein heißt, erwachsen zu werden, oder, wie du es ausdrückst, aufzuwachsen. Die europäische Aufklärung ermöglichte es uns, unseren kindlichen Zugang zur Welt hinter uns zu lassen. Und heute kommt noch eine Erkenntnis hinzu. Wir beginnen langsam zu verstehen, dass wir Teil und Ausdruck eines sich entwickelnden Kosmos sind. Das aufgeklärte Individuum und dieser große Entwicklungskontext, diese beide Aspekte waren den spirituellen Traditionen so nicht bewusst. SS: Und in unseren westlichen Ländern ist die Erleuchtungsdimension zum großen Teil verloren gegangen. Wir haben uns damit eine wichtige Quelle unseres Seins, auch unseres Menschseins, abgeschnitten. Wir müssen diese Dimension zunächst zurückholen, denn im Grunde ist das unser tiefstes Selbst. Aber dann stellt sich für uns die Frage: Wie können wir diese absolute Dimension in der heutigen Zeit ausdrücken? TS: Ja, wie können wir diese Dimension als eigenständiges Individuum zum Ausdruck bringen? Das meint ja die Idee eines Einzigartigen Selbst, wie es Marc Gafni und Ken Wilber eingebracht haben. Und wie können wir auch ein bewusster Ausdruck dieses großen Entwicklungskontextes werden, den wir gerade anfangen zu erkennen. Das meint Andrew Cohen, wenn er vom Authentischen Selbst spricht: Sehen wir unsere Individualität in Beziehung zu diesem großen Werden des...

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