Lieber Cyborg, lass uns reden

Posted by on Nov 7, 2014 in Evolutionäre Philosophie |

Thomas Steininger Transhumanisten sehen den nächsten Schritt der Bewusstseinsevolution in unserer Verbindung mit künstlicher Intelligenz – in uns selbst und mit künstlich-bewussten Wesen, die wir erschaffen werden. Aber was bedeutet es eigentlich, Bewusstsein zu entwickeln?   Wir Menschen sind ein Auslaufmodell. Die Zukunft gehört der künstlichen Intelligenz und den Cyborgs, der Verschmelzung von Mensch und Maschine. Früher war das für mich Science-Fiction. Cyborgs gehörten zu Filmepen wie „Star Trek“ und düsteren Zukunftsdramen wie „Terminator“. Doch eine junge kulturelle Strömung, der Transhumanismus, ist der Überzeugung, dass die Zukunft viel näher ist als wir dachten. Getragen wird diese Bewegung oft von Informations- und Neurowissenschaftlern, von Silicon Valley-Unternehmern und Futuristen wie Ray Kurzweil und anderen. Nach Ansicht der Transhumanisten ist der Zeitpunkt, an dem die Maschinen uns geistig überholen, in greifbare Nähe gerückt. Ray Kurzweil nennt diesen Moment „Singularität“ und er meint, dass er um das Jahr 2045 Wirklichkeit sein wird: „Die Singularität hat vielerlei Konsequenzen, doch die wichtigste ist, dass unsere Technik die Feinheit und Eleganz der höchsten menschlichen Fähigkeiten erreichen und schließlich in den Schatten stellen wird.“ Das sei „der unausweichliche nächste Schritt des Evolutionsprozesses“. Der technische Fortschritt werde nicht mehr an die menschliche Denkgeschwindigkeit gekoppelt sein. Die künstliche Intelligenz wird aber auch im menschlichen Hirn Fuß fassen (was sich in Form von computerisierten Neuroimplantaten bereits abzeichnet). Kurzweil weiter: „Unsere (maschinelle) Hirnleistung wird exponentiell wachsen und sich jährlich mindestens verdoppeln. Da die biologische Kapazität beschränkt bleibt, wird letztlich der nichtbiologische Anteil unserer Intelligenz überwiegen.“ Das Tempo des wissenschaftlichen Fortschritts in den Bereichen Genforschung, Nanotechnologie, künstlicher Intelligenz und Robotik wird sich demnach weiter explosiv beschleunigen. Einer transbiologischen Phase, in der nichtbiologische Intelligenz noch tief in biologischer Intelligenz verwurzelt sein wird, folgt laut Kurzweil eine post-biologische, in der das Universum erobert werden könne. Im Verlauf des nächsten Jahrhunderts werde es gelingen, „das Sonnensystem mit selbstreplizierender, nicht-biologischer Intelligenz zu erfüllen“. Werden die Science-Fiction-Filme der letzten Jahrzehnte langsam Wirklichkeit? Vor Kurzem las ich im „Spiegel“, dass das US-amerikanische Militär einen neuen Helm für Soldaten konzipiert hat, in dem Stromspulen das Hirn der Soldaten so stimulieren, dass über einen Magnetimpuls Risikobereitschaft, Mut und Ausdauer unterstützt werden. Der Politologe Roland Benedikter warnt im Zusammenhang mit den transhumanistischen Visionen vor der Gefahr einer Bewusstseinsindustrie, in der aus Menschen Technik wird. Der Mensch als Übergang Doch während der Vorbereitung dieser Ausgabe von evolve machte mich ein Freund auch auf das neue Buch „Human Purpose and Transhuman Potential“ des chinesischen Autors Ted Chu aufmerksam. Ted Chu, der zurzeit an der Universität in Abu Dhabi Wirtschaft lehrt, sieht das Versprechen des Transhumanismus in einem ganz anderen Licht. In seinem Buch zeichnet er einen großen Bogen der menschlichen Bewusstseinsevolution und beleuchtet die Rolle, die der chinesische Taoismus, das Christentum und die...

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Wir lernen die Erde zu sehen
Intuition in einer globalisierten Welt

Posted by on Nov 7, 2014 in Evolutionäre Philosophie |

Unsere moderne Welt ist vielschichtig und komplex. Kein Wunder, dass wir uns manchmal nach einem einfachen Leben sehnen, geprägt von unmittelbarer Schönheit und intuitiver Lebendigkeit. Gibt es in einer globalisierten Welt noch Platz für menschliche Intuition? Thomas Steininger In den letzten Monaten habe ich viel Zeit mit Gorillas verbracht. Das Internet und YouTube erlauben uns, zumindest virtuell in die fast unberührte Welt der Gorillas einzutauchen. Einige Aufnahmen der Berggorillas im östlichen Afrika haben mich wirklich überrascht. Neben unbefangener Geselligkeit sah ich bei diesen uns so nahen Verwandten viel Zärtlichkeit, ja „Menschlichkeit“ und manchmal auch Weisheit. In einer Filmsequenz hält eine Gorillamutter ihr Baby in beiden Händen. Mutter und Kind schauen sich minutenlang in die Augen. Es war ein langer „beseelter“, „menschlicher“ Blickkontakt, der mich noch lange beschäftigte. Andere Szenen zeigten die überraschende Weisheit oder auch den Witz dieser Tiere. Die Berggorillas leben in einer selbstverständlichen Einheit mit sich und ihrer Umgebung. Können wir vom intuitiven Leben der Berggorillas vielleicht etwas lernen? Ihre Unbekümmertheit und ihr spontanes Leben berührten mich. Aber wir haben die überschaubaren Berge der Gorillas seit langem verlassen. Welche Rolle kann in unserer hochkomplexen Welt die intuitive Lebendigkeit spielen, die uns diese nahen Verwandten vorleben? Vielleicht hilft ein Gang durch unsere gemeinsame Geschichte, um zu sehen, welche Rolle die Intuition für uns Menschen in einer globalen Welt spielen kann. Am Anfang war die Sprache Auf YouTube gibt es auch eine Vielzahl an Dokumentationen über die letzten verbliebenen Naturvölker unserer Erde. Wie leben sie? Was ist ihr Verhältnis zueinander und zu ihrer Umwelt? Mich fasziniert immer wieder, dass die Sprache der Anfang unseres Menschseins zu sein scheint. Ob in abgelegenen Gebieten des Amazonas oder bei den Buschleuten in Südafrika, überall sitzen Menschen zusammen und scherzen, sprechen miteinander, streiten sich. Es ist die Sprache, die uns zu Menschen macht. Bei den San in Botswana oder den Karitiana im westlichen Amazonas fällt auf, welche Rolle der Ahnenkult spielt. Vielleicht war das Gedenken der Ahnen eine unserer ersten großen menschlichen Kulturleistungen. Bei den Naturvölkern verschwinden die Verstorbenen mit ihrem Tod nicht einfach aus der Gemeinschaft, wie man es bei Gorillas beobachten kann. Die Ahnen werden über Generationen in Geschichten lebendig gehalten. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Wir sterben erst, wenn der letzte stirbt, der von uns erzählen kann.“ Ein In-der-Welt-Sein, das nur uns Menschen möglich ist, denn die Sprache erlaubt uns, durch Erzählungen unseren Ahnen eine neue Form von Leben zu geben. Sie leben in unseren Geschichten. Die Geburt der Sprache war ein tiefer Umbruch unserer Welt. Aber es ging auch etwas verloren. Viele Naturvölker mit ihrer ausgeprägten schamanischen Kultur sprechen davon, dass ihre Vorfahren keiner Schamanen bedurften. Erst jetzt brauchen sie ihre Schamanen und deren Trancefähigkeit, um eine Brücke zu einer...

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Progressive Spiritualität, Politik und das Beispiel Nelson Mandela

Posted by on Nov 7, 2014 in Evolutionäre Philosophie |

von Thomas Steininger   Wie für viele Menschen war Nelson Mandela für mich einer der wichtigsten und prägendsten Menschen des 20. Jahrhunderts. Sein Leben steht für mich für die Kraft, die ein Mensch aus seiner Integrität und Menschlichkeit entwickeln kann, gerade dann, wenn sie mit politischer Weitsicht verbunden ist. Einer meiner ersten Berührungspunkte mit diesem großen Mann war das Lied „Free, Free Nelson Mandela“. Dieses einfache Lied wandelte sich in den 80er Jahren von einem Widerstandslied gegen die Apartheid in Südafrika zu einem Popsong der internationalen Hitparaden. 1988 hörte man es weltweit zu Mandelas 70. Geburtstag, den eines der ersten globalen Popkonzerte begleitete. 600 Millionen Zuschauer in 67 Ländern sahen das Konzert, das aus dem Londoner Wembley Stadion übertragen wurde. Schon damals bewegte der Gefangene Mandela Menschen auf der ganzen Welt. Trotzdem wagte damals kaum jemand zu hoffen, dass Südafrika die Apartheid friedlich überwinden könnte. Viele erwarteten ein Blutbad in diesem zerrütteten Land. Als sich 1990 das Apartheidregime gezwungen sah, mit Mandela – nach 27 Jahren Gefängnis – Verhandlungen aufzunehmen und ihn aus der Haft entließ, staunte die Welt. Und noch mehr staunten wir, als Nelson Mandela in kurzer Zeit mit einer Kombination aus Unbeirrbarkeit und Großherzigkeit gegenüber den alten Unterdrückern der friedliche Übergang zu einem demokratischen Südafrika gelang. Stark und sanft Erst Jahre später, als ich Mandelas Autobiografie Der lange Weg zur Freiheit las, begann ich zu verstehen, dass die 27 Jahre Kerkerhaft für Mandela auch eine wichtige spirituelle Erfahrung waren. Es waren auch die Gefängnisjahre, die Mandela zu Mandela machten. Sein Weggefährte Erzbischof Desmond Tutu hat dies so beschrieben: „Ich glaube, was ihm im Gefängnis widerfahren ist, hat damit zu tun, dass Leiden zwei Dinge bei einem Menschen bewirken kann. Es kann dich verbittert, hart und wütend machen, oder, was bei vielen Menschen geschieht, es stärkt einen. Es macht dich stark, aber paradoxerweise gleichzeitig mitfühlend und sanft. Ich glaube, das ist mit ihm geschehen.“ Mandela sprach manchmal davon, dass er in seinen Gefängnisjahren regelmäßig meditierte. Er selber meinte zu dieser Zeit: „Man kann in der Zelle bemerken, dass sie ein guter Platz ist, sich selbst kennenzulernen, gründlich und immer wieder die Prozesse deines eigenen Geistes und deiner Gefühle zu untersuchen. Innere Faktoren für unsere menschliche Entwicklung, wie Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Demut, Großzügigkeit, die Bereitschaft, anderen zu dienen, sind für jede Seele erreichbar und die Grundlage des eigenen spirituellen Lebens. Zumindest gibt dir die Gefängniszelle die Möglichkeit, dich täglich ehrlich zu betrachten, um das Schlechte zu überwinden und das Gute in dir zu entwickeln. Regelmäßige Meditation kann hier viel bewirken.“ Mandelas heroische Menschlichkeit hatte viel mit dieser, seiner Spiritualität zu tun. Er hat sie nicht zur Schau gestellt, aber sie hatte die Kraft, Geschichte zu schreiben. Das ist auch...

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Jenseits der Psychologie

Posted by on Okt 7, 2013 in Evolutionäre Philosophie |

von Thomas Steininger   Kann es sein, dass wir am Ende eines Zeitalters sind? Das 20. Jahrhundert war ohne Zweifel auch das Zeitalter der Psychologie – mit Pionieren wie Sigmund Freud und C. G. Jung und einer unübersehbaren Vielzahl von Therapien und neuen Erkenntnissen über unsere innere Welt. Und – wer von uns hatte noch keinen Kontakt mit Selbsterfahrung oder Psychotherapie? Selbst diejenigen, die keine Selbsterfahrung gemacht haben, kennen meist Freunde und Bekannte, die davon erzählen. Die Tiefenpsychologie ist ein fester Bestandteil der Medienwelt von RTL bis zur Bild-Zeitung geworden. Wir haben uns so sehr an unsere psychologische Sicht auf die Welt gewöhnt, dass wir oft vergessen, wie historisch jung diese Perspektive ist. Wie selbstverständlich sprechen wir von „Verdrängung“, von „unserem Schatten“ und „unseren Komplexen“, Dinge, von denen unsere Eltern oft noch keine Ahnung hatten. Meine eigene erste bewusste Begegnung mit dieser neuen Sicht auf die Welt hatte ich 1976, und das ausgerechnet während der Olympischen Winterspiele, die damals im österreichischen Innsbruck stattfanden. Meine Eltern und ich wohnten während der Spiele in der Wohnung eines Innsbrucker Freundes mit einer großen Bibliothek. Das Buch, das mir dort in die Hände fiel und mich während der ganzen Zeit der Olympischen Spiele in seinen Bann schlug, war Sigmund Freuds Traumdeutung. Für den 13-jährigen Jesuitenschüler aus gut-katholischem Haus war dieses kleine Buch eine geistige Revolution. Ich las es während der Olympiade wie verbotene Literatur heimlich nachts im Bett, als alle anderen schliefen. Tagsüber begeisterten wir uns für die Siege unserer österreichischen Skifahrer und Skispringer. Nachts las ich diese Offenbarung, die ich zwar nicht verstand, die aber aus einer neuen und aufregenden Welt zu Kommen schien. Dieses Büchlein war meine Initiation in den Zeitgeist der 70er Jahre. Mein Ausbruch aus dem katholischen Österreich entwickelte sich in den folgenden Jahren dann auch zu einem wilden Mix aus Freud, Marx, Ökologie und Meditation. Auf der Universität in Wien, an der ich später studierte, gehörte es bereits zum guten Ton, eine Form von Therapie oder Selbsterfahrung gemacht zu haben. Neben den politischen Aufbrüchen der Studentenbewegung begannen einige von uns auch mit spirituellen Erfahrungen zu experimentieren. Osho Rajneesh war in aller Munde. Seine eigenwillige Verbindung von Spiritualität und Psychotherapie war neu und provokant. Einige Freunde fühlten sich vom Zen angezogen. Und es gab immer mehr Therapien, die sich als spirituell verstanden. Ein Klassiker der damaligen Zeit war Erich Fromms Buch Die Kunst des Liebens, das Freuds Psychoanalyse und Marx’ Gesellschaftsanalyse mit der Mystik eines Meister Eckhart verband. Auch der Freudschüler Wilhelm Reich, ein Vordenker der sexuellen Revolution, hatte es uns sehr angetan. Wilhelm Reich votierte für „freie Sexualität“ als eine Möglichkeit, die „universelle Energie des Kosmos“ in uns zu befreien. So wurde er zu einem der Väter des modernen Tantra. Unsere Therapieerfahrungen verschmolzen bald auch mit ersten...

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Aufklärung 3.0

Posted by on Okt 7, 2013 in Evolutionäre Philosophie |

von Thomas Steininger   Wir alle sind Kinder der Aufklärung. Ihr verdanken wir unser heutiges Verständnis von unserer eigenen Individualität. Ihr verdanken wir auch unser kritisches Denken. In den Jahrtausenden zuvor, in den ursprünglichen Stammesgesellschaften und später in den Kulturen der Hochreligionen, bestimmte die Zugehörigkeit zu unserem Clan oder zu unserer Religion unser Denken und unser Bild von der Welt. Erst in der Aufklärung lernten wir, uns als eigenständige Individuen zu verstehen. Martin Luther war einer der bedeutendsten Vorläufer dieser Entwicklung. In seiner Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ spricht er davon, dass wir letztlich nur Gott und dem Evangelium verpflichtet sind. Deshalb war seine deutsche Bibelübersetzung solch eine Revolution. Sie erlaubte es den Bauern und Bürgern, die Bibel selbst zu lesen und zu interpretieren. Damit waren sie nicht mehr auf die Worte der Priester angewiesen. Ein erster Schritt aus der Unmündigkeit war damit getan. Was heißt Aufklärung? Die bekannteste Definition stammt von dem Philosophen Immanuel Kant. Er bezeichnete die Aufklärung als die „Befreiung aus selbst verschuldeter Unmündigkeit“. Weder Klerus noch Adel sollten über uns und unser Denken bestimmen. Deswegen befreite dieser neue Geist auch die Wissenschaft. Wir lernten, die Welt zu erforschen und zu verstehen. Und jeder weiteren Generation von Wissenschaftlern gelangen neue, tiefere Einsichten in die Welt. Die europäische Aufklärung wurde ein ungeahnter Erfolg. Man übersieht heute, 200 Jahre später, zu leicht, welche Befreiung aus Elend und Not trotz aller Schwierigkeit der Siegeszug der Wissenschaft und auch die Marktwirtschaft gebracht haben. Aber es gab auch Schattenseiten. Und mit der Aufklärung setzten zugleich die ersten Gegenbewegungen ein, die sich dieser Schattenseiten annahmen, allen voran die Romantik. Getragen von Künstlern und Philosophen versuchte sie aufzuzeigen, dass die moderne Wissenschaft in ihrem Denken zu kurz greift. Die immer materialistischer werdende Forschung entwickelte nur eine äußerliche Rationalität. Es gelang ihr nicht, so die Romantiker, die Innenseite der Welt zu sehen. Der romantische Dichter Novalis stellte in seinem Gedichtband „Hymnen an die Nacht“ dem, wie er es nannte, „Tagesbewusstsein“ der noch jungen materialistischen Wissenschaft eine Hymne an das „Nachtbewusstsein“ entgegen. Damit meinte er alle jene inneren Welten unseres Seelenlebens, denen die Naturwissenschaft zunehmend ablehnend gegenüberstand. Man kann Novalis wohl auch als einen Vorläufer der modernen Tiefenpsychologie sehen. Denn es war auch genau diese Tiefenpsychologie, die am Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem großen Umschwung der Aufklärung führte. Sie führte zu einer Art zweiter Aufklärung, der Aufklärung unseres Seelenlebens. Die großen Psychologen dieser Zeit, Sigmund Freud und C. G. Jung, sahen sich als Entdecker der psychischen Innenwelt, als Erforscher der inneren Sphären des Ich. Und das war neu, denn bei den Philosophen der klassischen Aufklärung, bei Descartes oder Kant, war unser „Ich“ immer eine abstrakte Idee geblieben. Kant nannte es das „Transzendentale Subjekt“....

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Wenn die Evolution sich selbst erkennt. Wir leben in einer zweiten Achsenzeit

Posted by on Okt 7, 2013 in Evolutionäre Philosophie |

von Dr. Thomas Steininger   Im Juni dieses Jahres hielt ich im städtischen Kulturzentrum Rote Fabrik in Zürich einen Vortrag über die Evolution des Bewusstseins, den wir hier in einer gekürzten Fassung wiedergeben. Doch wir möchten Sie als Leser auch warnen: Dieser Vortrag ist dicht, sehr dicht, und das mit Absicht. Denn wenn wir uns die Explosion unseres Bewusstseins in den letzten 100.000 Jahren in nur wenigen Zeilen vor Augen führen, entsteht vielleicht unter der Fülle des Gesagten ein neuer Blick – der Blick auf die Tiefenzeit. Dieser Blick kann herausfordernd sein, aber er lohnt sich. Er öffnet eine neue Sicht auf die Frage, was es heißt, Mensch zu sein.   Veranstaltungen wie diese sind immer auch eine Form der Begegnung: Sie hören meinen Vortrag, wir kommen miteinander ins Gesprächlesen Worte, die ich geschrieben habe. Wir begegnen uns. Aber als wer oder was begegnen wir uns? Wir sehen uns heute ganz selbstverständlich als Individuen mit einer je einzigartigen Identität. Doch dass wir uns als individuelles Ich wahrnehmen können, ist eine enorme historische und kulturelle Leistung. Das war nicht immer so. Sind wir uns dessen bewusst? Ich möchte in diesen Vortrag unsere Identität und unser Selbstverständnis in einen großen historischen Kontext setzen, in den Kontext unserer Menschheitsgeschichte.   Die Anfänge des Menschseins Gehen wir zurück zum Anfang, zum Anfang des Menschen: Irgendwann gab es diesen Übergang, diesen Sprung von dem Bewusstsein hoher Primaten zu einem menschlichen Bewusstsein. Tiger, Schimpansen und Rehe haben Bewusstsein, aber – und das ist wirklich ein radikaler Unterschied – sie sind sich dessen nicht bewusst. Irgendwann in unserer Frühgeschichte gingen wir durch diese radikale Veränderung: Wir wurden uns bewusst, dass wir bewusst sind. Wir sehen diesen Übergang auch in der frühkindlichen Entwicklung, wenn das Kind zum ersten Mal in der Lage ist, in der ersten Person zu sprechen: Es kann „Ich“ sagen. Doch in unserer Menschheitsgeschichte sind wir zuerst nicht zu diesem „Ich“ aufgewacht. Als wir unserer selbst bewusst wurden, war das zuerst ein Bewusstsein für unser „Wir“ – unseren Klan, unsere Sippe, jene Blutsverwandtschaft, in der wir als Menschen einander auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren. Und wir brauchten dieses Wir, um uns miteinander zu ernähren, zu verteidigen und fortzupflanzen. Am Anfang war der Klan. Der deutsche Bewusstseinsforscher Jean Gebser (1905 – 1973) bezeichnete diese Entwicklung als den Übergang von einem archaischen zu einem magischen Bewusstsein, und das ist vielleicht die erste Form bewusster, menschlicher Kultur. In diesem magischen Blick auf die Welt waren Subjekt und Objekt, innen und außen, noch nicht klar getrennt. Unsere Innenwahrnehmung und die Wahrnehmung der Natur waren noch eins. Die ganze Welt war magisch durchdrungen. Unser Bezugspunkt war der Klan und sein Überleben in einer Natur, die gleichzeitig ein Innen...

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