Ein Gespräch mit Dr. Thomas Steininger

Das Gespräch führte Dr. Nadja Rosmann.

Erschienen in: integrale perspektiven 22 – 07/2012

 

Der Gegensatz zwischen dem Denken und anderen Zugängen zur Welt wie Intuition und spiritueller Erfahrung wird in unserer Kulturgeschichte schon lange heftig diskutiert. So wandte sich die Romantik vehement gegen den Rationalismus Immanuel Kants, denn Kant hatte in seiner Philosophie eine harte Grenze zwischen  Wissen und Glauben und auch zwischen Denken und Erfahrung gezogen. Dagegen brachten die Romantiker die „poetische Erkenntnis“ ins Spiel. Ihre denkkritische Haltung findet auch heute in der Postmoderne große Zustimmung. Vielleicht überwindet die integrale und evolutionäre Philosophie heute diese starre Frontstellung zwischen Romantik und Aufklärung. Im Gespräch mit dem Philosophen Dr. Thomas Steininger gehen wir der Frage nach, wie sich die Dialektik von Verstand und Spiritualität heute weiterentwickelt und was das für unser Verständnis der Welt bedeutet.

 

Die europäische Aufklärung war ein wesentlicher Schritt zur geistigen Mündigkeit. Sie führte aber auch zu einer Entfremdung von den eher numinosen Sphären des menschlichen Seins. Diesen Gegensatz zwischen Denken und Mystik kann man aber auch anders, dialektischer und durchlässiger  sehen.

Thomas Steininger: Ich glaube wir sollten das Wort „Denken“ viel weiter als üblich verstehen. Wir Menschen begannen doch mit dem Denken seit den Anfängen unserer Geschichte. Diese ersten Formen des magischen und mythischen Denkens würden wir heute vielleicht nicht mehr so bezeichnen, doch damals haben wir damit angefangen, die Welt in unserem Bewusstsein zu spiegeln. Wir begannen der Welt „nachzusinnen“. In diesem Sinne war das eine Form des Denkens. Aber erst viel später entdeckten wir das Denken, so wie wir es heute verstehen. Die Geburt des ratioanalen Denkens kann man vielleicht mit der Geburt der Philosophie gleichsetzen. Damals, in den Anfangszeiten der  griechischen Philosophie, hat sich unser Verhältnis zu Sprache und Denken radikal verändert. Im mythischen Denken war die Sprache ein Medium, in dem wir uns unsere großen Geschichten erzählt haben. Der Sinn des Lebens offenbarte sich in unseren Mythen. Die Philosophen entdeckten mit der Logik einen neuen Zugang zur Welt. Statt Geschichten zu erzählen, begannen sie direkt forschend zu fragen: „Wie ist die Welt beschaffen? Was liegt ihr zu Grunde?“ Und versuchten auf diese Fragen rationale Antworten zu finden. Dieses logische Denken der ersten Philosophen führte uns aus dem mythischen Denken heraus. Eigentlich war das der Beginn der Aufklärung. Aber dieses neue, rationale Denken führte auch dazu, dass diese Denkart zunehmend nur noch sich selbst wahr- und ernst nahm. Plato brachte das auf den Punkt. Für ihn waren das einzig Reale die Ideen. Alles andere waren aus seiner Sicht nur mehr Schatten. Bei Aristoteles waren es die Kategorien, die die Welt bestimmten. In einem gewissen Sinne schoben sich die logischen Kategorien, welche die metaphysische Philosophie damals entwickelte, zwischen uns und die Welt. Wir konstruierten uns sehr eine hilfreiche Brille und gewöhnten uns daran, die Welt nur mehr durch diese Brille zu sehen.

Die meiste Zeit unserer Kulturgeschichte hatten wir mehr oder weniger vergessen, dass wir diese Brille tragen. Und es ist ein Verdienst der postmodernen Philosophie, unsere Aufmerksamkeit auf diese Brille zu richten. Das stellt uns vor die Frage: Wie können wir ein klares Denken entwickeln, in dem die gewohnten Kategorien unseres Denkens, unsere gewohnten Ideen so aufgebrochen werden, dass sie unseren Blick mehr öffnen als verstellen?

 

Das könnte natürlich auch eine retro-romantische Sehnsucht sein, so wie wir in der Postmoderne oft eine tiefe Ablehnung gegen das rationale Denken haben. Gibt es hier einen dritten Weg?

Thomas Steininger: Die Postmoderne versteht man ja viel besser, wenn man sie als eine Form der Selbstkritik der Moderne versteht. Und insofern ist sie wichtig. Aber sie bietet noch keine neue Integration. Im Gegenteil, die philosophische Postmoderne verweigert sich der Integration. Sie will  ja die Kritik weiter vertiefen. Dann gibt es die rückwärtsgewandte Postmoderne. Die träumt davon, in alte Zeiten zurückzugehen. Manche wollen lieber mit den Schamanen trommeln als Denken. Nichts gegen Schamanen, auch nichts gegen schamanistische Erfahrungen, das alles kann unseren verengten Zugang zur Welt aufbrechen, aber es ersetzt nicht das aufgeklärte Denken.

Aber die Kritik der Postmoderne ist wichtig. Ein Teil unserer westlichen Denkgeschichte seit Plato ist auch eine Verengungsgeschichte des Denkens. Unser vorherrschendes Denken ist zu einem rein instrumentellen Denken ohne Tiefe geworden. Die romantische Kritik hat hier Recht, und auch die postmoderne Kritik.  Ken Wilber nennt die notwendige Aufgabe klar und einfach: Es geht um eine Integration von Wissenschaft und Spiritualität. Wahrscheinlich ist die spirituelle Erfahrung auch der Schlüssel, um die Verengung des Denkens zu durchbrechen. Wenn wir anfangen die spirituelle Erfahrung als Perspektive ernstzunehmen, macht das die Verengung unseres Denkens zumindest brüchig. Sie passt nicht in das instrumentelle Denken.

Und es gab in der Denkgeschichte ja immer wieder Gegenbewegungen, die versucht haben, die Enge des Denkens denkend zu überwinden. Der deutsche Idealismus und die Dialektik Hegels waren so ein Versuch, und es ist ein Krimi für sich, sich anzusehen, woran er gescheitert ist. Schelling ist vielleicht sogar ein noch wichtigerer Versuch, denn sein Anliegen war es, die Trennung zwischen Subjekthaftem und dem Naturhaftem zu überwinden. Er war da schon ein genialer Vordenker. Ich glaube, dass er so klar vordachte, wie unser Denken selbst nur ein weiterer Ast des Lebensprozesses ist, war schon ein wichtiger Schritt, das Ganze in seiner Lebendigkeit zu denken.

Es ist ja interessant, dass es immer mehr das evolutionäre Denken, das Prozessdenken wird, das hier neue Wege zeigt. Diese neuen Denkwege wurden teilweise auch von mystischen Denkern wie Teilhard de Chardin, Sri Aurobindo oder Rudolf Steiner erarbeitet. In der akademischen Philosophie ist es Henri Bergsons Lebensphilosophie, die hier versucht, auf eine ganze neue Art Lebendigkeit zu denken. Bergsons Ansatz war hier, dass unser bisheriges Denken vor allem ein räumliches Denken war. Unser Denken bezieht sich auf Objekte in Räumen. Bergsons Einsicht war, dass sich vor allem unsere Zeiterfahrung grundlegend von diesem Raumdenken unterscheidet. Wenn wir unsere Zeiterfahrung direkt untersuchen, ist sie eben kein abstrakter Zeitraum, durch den sich Objekte bewegen, sondern ein ungebrochenes Kontinuum der Zeitlichkeit, das sich uns hier zeigt. Auch Alfred Whitehead spielt hier eine Rolle. Er versuchte auf eine ähnliche Weise wie Bergson darzulegen, dass die Welt nicht als eine Welt der Objekte gesehen werden kann, sondern als ein Prozess aus Prozessen.

Eine zentrale Rolle sehe ich auch in Martin Heidegger. Sein phänomenologischer Ansatz ist ja eine radikale Kritik unserer objektorientierten Denkgeschichte. Er versuchte, alle objekthaften Ideen vorerst hinter sich zu lassen, um unsere menschliche Grunderfahrung des „In-der-Welt-Seins“ ohne die ganzen Denkgerüste unserer traditionellen Philosophie phänomenologisch zu denken. Wie sehr ihm das gelungen ist, sei jetzt dahin gestellt, aber ich finde es spannend, dass er sich gezwungen sieht, auf diese Weise eine evident mystische Wirklichkeit zu denken. Er landet denkend an einem Punkt vor der Subjekt-Objekt-Trennung und macht auf diese Weise diese nichtgetrennte Offenheit der Weltwahrnehmung wieder dem Denken zugänglich.

Ken Wilber startet an der gleichen Frage von der anderen Seite. Er versucht ein analytisches Denkmodell, das AQAL-Modell zu entwickeln, indem er der Einheit von Mystik und Wissenschaft einen analytischen Rahmen gibt. Dadurch gelingt es ihm, unserem bisherigen Denken in seinen eigenen methodischen Grundlagen die Einheit von Mystik und Wissenschaft zu vermitteln. Das ist auch die Schwierigkeit seines Ansatzes. Er braucht die Kategorien der analytischen Wissenschaft, um ihr die Einheit von Wissenschaft und Mystik darzulegen. Diese Kategorien kommen aber selbst aus dem getrennten Denken. Und ihre Grundlage ist jene Trennung, die die mystische Erfahrung aufhebt. Hier wird also Denken zu einer offenen Baustelle. Unser Denkgerüst ist die metaphysische und später szientistische Tradition seit Plato. Sie selbst ist Teil unserer verengten Weltwahrnehmung. Sie ist aber auch Teil eines enormen Zuwachses an Wissen und Bewusstsein. Sie ist Teil der Aufklärung. Sie ist Teil der Lösung und Teil des Problems.

 

Ken Wilber beschreibt mit seinem integralen Modell ein Rahmenverständnis einer integralen Realität. Er beschreibt die vier Quadranten und die Interdependenzen, die zwischen ihnen, aber auch zwischen den Entwicklungslinien bestehen. Deine Frage ist, wie kann man das analytisch sehen, ohne in einem alten Denken hängen zu bleiben?

Thomas Steininger: Ja, denn, überspitzt gesagt, vier Quadranten gibt es natürlich nicht. Wir leben in einer ungeteilten Welt. Die Quadranten sind einfach ein analytisches Modell, aber ein sehr nützliches. Die Phänomenologie der Welt ist nicht die Summe verschiedener Entwicklungslinien, sondern immer eine unmittelbare Offenheit. Dem kann ich mich analytisch annähern, aber wenn ich vergesse, welche Perspektive ich damit einnehme, verliere ich die eigentliche Grundlage aus den Augen. Dieser analytische Blick ist wichtig, aber wir müssen uns bewusst bleiben: Das ist der analytische Blick auf die Welt, und auch das ist nur eine Perspektive unter Perspektiven.

Die Herausforderung ist: Wie können wir diese analytische Perspektive wach halten und weiterentwickeln und zum Beispiel mit einer phänomenologischen Perspektive verbinden? Ehrlich gesagt, darauf habe ich keine wirkliche Antwort. Darin sehe ich eine der nächsten kreativen Herausforderungen eines integralen Denkens.

 

Ist hier nicht eine spirituelle Praxis eine essenzielle Ausgangsvoraussetzung, um diese Ganzheit überhaupt erfassen und verkörpern zu können?

Thomas Steininger: Natürlich, es geht gar nicht anders. Wenn man nur den analytischen Intellekt trainiert, nimmt man nur analytisch wahr und kann nur analytisch reflektieren, weil man keine Wahrnehmung dessen hat, was man ausblendet. Deshalb braucht es eine Praxis der Nichtgetrenntheit, die eine Wahrnehmung dessen, was analytisch nicht sichtbar wird, ermöglicht. Wir sind als Menschen gefordert, uns dem denkend zu stellen, und das können wir nur, wenn wir wahrnehmen, dass da eine Offenheit und Unmittelbarkeit der Welt ist, der wir uns stellen müssen. Die weitgehende Verkürzung unseres Denkens, meist noch dazu auf ein rein instrumentelles Denken, ist gewissermaßen die Krisensymptomatik unserer Gesellschaft. Tiefenökologie beispielsweise hat dort ihre Wurzeln, wo wir gezwungen werden, das Ausgeblendete wahrzunehmen, weil es heftig ökologisch zurückschlägt. Wir brauchen eine Form von Spiritualität, von Nichtgetrenntheit, von Ganzheit, der wir uns nicht mehr regressiv-mythologisch stellen, sondern auf der Höhe unserer Zeit reflexiv-philosophisch, wissenschaftlich, denkend.

 

Die Mystik hat ja schon immer unsere getrennte Identität aufgebrochen. Eckhart war ja gewissermaßen ein Vorreiter einer Erfahrungs-Mystik, wie sie in der postmodernen Spiritualität sehr stark betont wird. Kann man einer mystischen Einsicht wirklich auch denkend nachgehen?

Thomas Steininger: In unserer abendländischen Tradition haben wir unsere Identität als getrenntes Individuum entwickelt. Das ist die Schwäche und die Stärke unserer Tradition. Heidegger, der ja sehr von Meister Eckhart beeinflusst war, versuchte in seiner Existenzanalyse den Spies umzudrehen. Für ihn ist Mensch-Sein nicht dieses getrennte Subjekt-Sein, sondern das Da-Sein, das meiner Wahrnehmung als getrenntes Subjekt noch vorausgeht – Mensch-Sein ist die Seinsweise, die eine Offenheit gegenüber dem Ganzen hat oder, wie Heidegger formuliert – wir sind die einzige Seinsform, der es um das Sein selbst geht. Das führt uns zur spirituellen Selbstgewissheit, die ja eine Gewissheit des Nicht-getrennt-Seins ist. Und hier stellt sich die Frage, wie man das auch denkend nachvollziehen kann. Wie kann ich denkend nachvollziehen, dass ich einerseits ein individuelles Subjekt bin, aber andererseits mein individuelles Subjekt-Sein Teil eines größeren Subjekt-Selbstseins ist, nämlich eines sich selbst bewusst werdenden Bewusstseins. Dieser Frage kann ich mich nicht traditionell-metaphysisch nähern, sondern nur phänomenologisch-denkend, weil ich nur so wahrnehmen kann, dass mein Wahrnehmen über mein Selbst, über meine Individualität hinausreicht. Hier finden sich Denken und Spiritualität denkenderweise. Nicht spekulierenderweise, nicht mythologisierenderweise, sondern denkenderweise.

Um diesem Erkennen gerecht zu werden, brauche ich eine erfahrende und denkende Bewegung. Und die dehnt sich unendlich aus, denn in jedem Gewahrwerden und denkenden Erschließen ergeben sich neue Horizonte, denen ich mich wieder stellen muss. Es gilt, eine permanente Spannung zu halten, was nur möglich ist, wenn ich die Ungewissheit dieses Prozesses halte. Das beinhaltet eine grundlegende spirituelle Haltung, die radikal mit Vertrauen und auch mit SELBSTvertrauen zu tun hat. Beides ist notwendig, um dieses permanente Nicht-Wissen auszuhalten, ohne in ein Nicht-Wissen-Wollen zu regredieren oder in Fixierungen zu verfallen. Dann wird das Denken selbst zu einem radikal lebendigen Prozess. Das erfordert ein permanentes Sich-Hingeben.

 

Eine so verstandene Hingabe ist ja eine radikale Form des Loslassens, aber ich brauche gleichzeitig das Denken, um mich überhaupt dazu zu entscheiden, mich auf diesen Prozess einzulassen …

Thomas Steininger: Es braucht das Denken und den Willen. Und der Wille bezieht sich wieder auf meine Individualität, denn es braucht jemanden, der das aushalten will. Der spannende Punkt ist der, an dem Wille und Hingabe identisch werden und das permanent als Lebenshaltung gehalten wird. Es braucht die aufklärerische Leistung der Individuation, der Rationalität, und die spirituelle Leistung des Ertragens, des Mysteriums – wo beides als Nicht-Getrenntes gelebt wird, wird es existenziell.